100 Jahre Ende des Ersten Weltkriegs am 11. November 2018: Auswirkungen des Krieges auf die Lebenswege von Missionsschwestern

Als am 11. November 1918 der Erste Weltkrieg endete, atmeten die Missionsschwestern von der Unbefleckten Empfängnis der Mutter Gottes auf. Endlich hatte das vierjährige Blutvergießen, dem viele Millionen Menschen zum Opfer gefallen waren, ein Ende. Der mit einem Waffenstillstandsabkommen besiegelte Frieden ermöglichte unserer Gemeinschaft, erneut in anderen Ländern tätig zu sein. Junge Frauen, die Missionsschwester werden wollten, konnten wieder eine reguläre Ordensausbildung beginnen und in die Mission nach Übersee ausreisen.

Aussendung einer Schwesterngruppe nach Brasilien. Unten rechts: Sr. Ambrosia Heseker

1919 reiste unsere Generaloberin Mutter Immaculata von Brasilien nach Münster. Sie erlebte ein Deutschland, das sich modernisierte. Das alte Kaiserreich war zusammengebrochen. Es entstand eine Republik, die zahlreiche Reformen auf den Weg brachte. Erstmals bekamen Frauen das aktive und passive Wahlrecht. Die Berufsmöglichkeiten für Frauen erweiterten sich.

Während des Krieges, als fast alle erwerbstätigen Männer Kriegsdienst leisten mussten, hatten viele Frauen in Männerberufen gearbeitet und damit die traditionellen Geschlechterrollen überschritten. Dies traf auch auf jene Kandidatinnen zu, die nach 1918/19 in unsere Gemeinschaft eintraten. So hatte Sr. Ambrosia Heseker (*1.7.1895, +10.12.1980) in der Landwirtschaft alle Arbeiten übernommen, die vor dem Krieg ausschließlich von  Männern erledigt wurden. Sr. Theophilia Wieskötter (*24.6.1900, +23.5.1936) übernahm 1914, als ihr Vater zum Kriegsdienst eingezogen wurde, die Verantwortung für den Familienbetrieb, eine Bäckerei. Sr. Electa Moschner (*26.1.1898, +18.4.1976) arbeitete sogar in einer Munitionsfabrik in Berlin.

Sr. Electa Moschner vor ihrem Eintritt. Während des Ersten Weltkrieges hatte sie in einer Munitionsfabrik gearbeitet.
Sr. Electa Moschner vor ihrem Eintritt.

Viele junge Schwestern hatten während der Kriegszeit erlebt, dass in ihrer Familie die Aufgaben neu verteilt wurden und die Geschlechterrollen sich - zumindest zeitweise -  änderten. Durch die Abwesenheit der Männer emanzipierten sich die Frauen zwangsläufig. In einer Zeit, in der das Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) dem Ehemann die alleinige Entscheidungsgewalt zusprach, entschieden sie nun selbständig. Auch in katholischen Familien lernten Mädchen, über die traditionelle Geschlechterrolle hinaus aktiver zu werden.

Noch vielen Schwestern in guter Erinnerung ist Sr. Anastasia Hein (*13.9.1989, +14.3.1989) „bei der schon in der Jugend (…) Selbständigkeit und Zielstrebigkeit zum Ausdruck kamen.“ So die Formulierung in ihrem Nekrolog. Um Arbeit zu finden, hatte sie sich in jungen Jahren nach Potsdam-Babelsberg aufgemacht und dort eine Anstellung in der Kantine der UFA-Filmzentrale gefunden. Die junge Frau war jedoch nicht nur „ein wildes Mädchen“, sondern auch eine tiefgläubige Katholikin. Entsprechend fand sie ihre Berufung darin, Missionsschwestern von der Unbefleckten Empfängnis der Mutter Gottes zu werden.

Von der UFA- ins Missionskloster: Sr. Anastasia Hein.
Von der UFA- ins Missionskloster: Sr. Anastasia Hein.

Dokumente aus unserem Provinzarchiv zeigen, welche Auswirkungen der Erste Weltkrieg auf die Biografien unserer Schwestern hatte. Aus den Kriegskindern und Kriegsjugendlichen wurden sehr eigenständige Missionarinnen. Sie waren mutig und muteten sich viel zu. Entsprechend ihres abgelegten Ordensgelübdes leisteten sie Gehorsam, waren aber gleichzeitig Frauen mit einem ausgeprägten eigenen Willen. Ganz im Sinne unserer Ordensgründerin Mutter Immaculata setzten sie ihre Kraft für die „Notleidenden  und Harrenden“ ein und leisteten vielerorts Aufbauarbeit.

So heißt es im Nekrolog der eingangs erwähnten Sr. Ambrosia Heseker: „Auf dem großen Gelände in San Jose bei Santarem „hat sie ihre ganze Kraft eingesetzt, um das Gelände urbar zu machen, damit Reisfelder angelegt werden konnten. Als vor einigen Jahren eine alte Missionarin uns in Münster besuchte, erwähnte diese, dass, seitdem Schwester Ambrosia in San Jose war, niemand mehr hätte hungern müssen.“

Brasilien: Sr. Ambrosia Heseker mit Kindern und Erwachsenen bei der Bananenernte.
Brasilien: Sr. Ambrosia Heseker mit Kindern und Erwachsenen bei der Bananenernte.

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