Mutige Frauen in der Kirchengeschichte

„Mutige Frauen in der Kirchengeschichte“ ist das aktuelle Thema einer franziskanischen Zeitschrift. Wir nehmen dies zum Anlass, über eine mutige Frau aus unserer Gemeinschaft zu berichten.

„Fürchte dich nicht, du kleine Herde!“
Sr. Salome Moskopp (1895 - 1956)

Schwester Salome Moskopp (1895-1956).
Schwester Salome Moskopp (1895-1956).

Gefährliche Zeiten sind es, als Sr. Salome im August 1939 von den USA nach Münster aufbricht. In Deutschland regieren seit sechseinhalb Jahren die Nationalsozialisten mit brutaler Gewalt. Sie verfolgen politisch und weltanschaulich Andersdenkende und erklären ganze Bevölkerungsgruppen für lebensunwert.

Die nationalsozialistischen Machthaber wollen alle Ordensgemeinschaften – außer die in der Krankenpflege tätigen – aus dem gesellschaftliche Leben verdrängen. Veränderte Steuer- und Devisengesetze bedrohen die wirtschaftliche Existenz vieler Klöster. Hausdurchsuchungen und Verhaftungen von Ordensleuten erzeugen ein Klima der Angst. Auch die beiden Klöster der Missionsschwestern von der Unbefleckten Empfängnis der Mutter Gottes in Münster sind im Visier der Nazis. 

Die ersten China-Missionarinnen reisen aus. Links oben: Sr. Salome.
Die ersten China-Missionarinnen reisen aus. Links oben: Sr. Salome.

Am Abend des 26. August 1939 trifft Sr. Salome im Lourdeskloster in Münster ein. Hier hatte sie im Juni 1923 ihre ersten Gelübde abgelegt. Als 1928 das Missionskloster St. Josef errichtet wurde, beriefen ihre Vorgesetzten sie dorthin. Sr. Salome wurde Assistentin der Oberin und sorgte in wirtschaftlich schwierigen Zeiten für die existentiellen Grundlagen des neuen Konvents. Bis sie 1931 nach China ging.

China-Missionarin

Sr. Salome gehörte zu der ersten Gruppe von Schwestern, die 1931 in die Mission nach China ausgesandt wurde. „Es war das für Sr. Salome eine schöne und erfolgreiche Zeit“, schrieb ein Missionar über sie. „Sie hatte damals als erste Oberin in China das Waisenhaus und Schwesternhaus mit Kapelle gebaut.

Sr. Salome (Mitte) mit Schwestern und Waisenkindern in Hungkialou.
Sr. Salome (Mitte) mit Schwestern und Waisenkindern in Hungkialou.

(…) Sr. Salome war mit ihren Schwestern in Tsinan vom Bischof, von allen Patres, den anderen Schwestern und den Gläubigen, auch von den Heiden sehr geschätzt und gerne gesehen. Ihr hervorragendes Wirken war klug, gütig, freundlich, gewinnend. Sie war ihren Untergebenen und den ihr Anbefohlenen eine gute, liebevolle und treusorgende Mutter.“

1936 reist Sr. Salome zum Generalkapitel in die USA. Die versammelten Kapitularinnen wählen sie zur Generalverwalterin. Für die 41-jährige beginnt ein neuer Lebensabschnitt.

Sr. Salome (links) vor der Abfahrt nach Amerika auf dem Bahnhof in Tsinanfu.
Sr. Salome (links) vor der Abfahrt nach Amerika auf dem Bahnhof in Tsinanfu.

Sorgen der Generalleitung

Beunruhigende Nachrichten aus Nazi-Deutschland treffen im Generalat ein. In aus Deutschland herausgeschmuggelten Briefen erfahren die Missionsschwestern von verhafteten Priestern und Ordensleuten sowie von der Ermordung katholischer Anti-Faschisten. Besorgt ist die Generaloberin Mutter Pacifica Bönning über die Hausdurchsuchungen der Geheimen Staatspolizei in den Klöstern in Münster. Sie befürchtet weitere Repressionen. Die deutschen Kommunitäten, so ihre Ansicht, benötigen eine erfahrene Oberin, die sich in schwierigen Zeiten behaupten kann. Der Generalrat wählt zu diesem Amt Sr. Salome.

Ausweisung und Enteignung durch die Nationalsozialisten

Nach fünf Jahren China-Mission und dreijähriger Tätigkeit in den USA kehrt Sr. Salome in ein völlig verändertes Deutschland zurück. Nazi-Diktatur und Krieg bestimmen den Alltag der Klöster. Unter dem Druck der neuen Schulgesetzgebung, die die Ordensschulen verbietet, löst Sr. Salome die Missionsschule auf. Auf jeden Fall will sie verhindern, dass Postulantinnen und Novizinnen dienstverpflichtet werden. Ihrer Anweisung folgend machen die jungen Missionsschwestern eine Ausbildung in der Krankenpflege, da sie so vor einer zwangsweisen Einberufung zum Reichsarbeitsdient geschützt sind.

Postulantinnen und Novizinnen in der Ausbildung zur Krankenpflege, 1941.
Postulantinnen und Novizinnen in der Ausbildung zur Krankenpflege, 1941.

Sr. Salome trifft auch Vorbereitungen für eine mögliche Enteignung des Lourdesklosters und des Missionsklosters St. Josef. Wichtiges Klostergut lässt sie bei guten Freunden unterbringen. Von Regimegegnern verfasste Bücher werden aus der Bibliothek entfernt. Jede Schwester soll vorsorglich ihren Koffer mit Zivilkleidung packen.

Sr. Salomes Sorge ist nicht unbegründet: Am 12. Juli 1941 dringen Beamte der Geheimen Staatspolizei in das Missionskloster St. Josef ein. Sie sperren alle Schwestern in das Refektorium ein und befehlen ihnen, innerhalb von 24 Stunden das Haus zu verlassen. Außerdem werden alle Schwestern aus Münster, Rheinland und Westfalen ausgewiesen. Sr. Salome wird ein Schriftstück, das die Ausweisung und Beschlagnahmung der beiden Klöster dokumentiert und als Schlussvermerk die Worte: „gelesen – genehmigt – unterschrieben“ enthält, zur Unterschrift vorgelegt. Doch sie weigert sich zu unterschreiben, weil sie keine Gewaltmaßnahme genehmigen will. Sr. Salomes Protest dringt durch: Das Wort „genehmigt“ wird gestrichen.

Bald werden auch die Schwestern aus dem Lourdeskloster gewaltsam vertrieben. In dieser dramatischen Situation erhalten Sr. Salome und ihre Mitschwestern Unterstützung von Bischof Clemens August Graf von Galen. Er organisiert, dass verschiedene Krankenhäuser im Oldenburger Land die Missionsschwestern aufnehmen. Sr. Salome ist zunächst in Dinklage, wo sie im Röntgenzimmer des St. Anna-Krankenhauses arbeitet.

Die Ausweisung und Enteignung ihrer Gemeinschaft nimmt Sr. Salome nicht hin. Im September 1941 legt sie Wiederspruch ein bei der Geheimen Staatspolizei in Münster und dem Sicherheitshauptamt in Berlin. Doch vergeblich: Die Missionsschwestern gelten den Nationalsozialisten als Staatsfeinde, Verbannung und Enteignung werden als rechtens angesehen. Sr. Salome trägt nun die Verantwortung für eine in vierzehn Häuser aufgeteilte Ordensgemeinschaft. So oft es zeitlich geht, besucht sie die kleinen Gemeinschaften und steht den Schwestern mit Rat zur Seite. Regelmäßig verfasst sie Briefe und Rundbriefe. Palmsonntag 1942 schreibt sie aus Dinklage:

„Meine lieben Schwestern, wir alle leiden unter den jetzigen Verhältnissen, den vielleicht ungewohnten Arbeiten, unter der Heimatlosigkeit, wir vermissen die Geborgenheit der Gemeinschaft und des eigenen Klosters, wir fühlen und empfinden, jetzt vielleicht mehr als sonst, dass wir Fremdlinge sind in dem Hause, wo wir uns aufhalten. – Es ist das eben für uns jetzt Gottes Zulassungswille. Nehmen wir diese und alle anderen Schwierigkeiten und legen sie als kleine Opfergabe beim hl. Opfer mit auf die Patene des Priesters. Es wird gewiss zum Segen werden für uns alle!“

Prozession im Oldenburger Land, 1941.
Prozession im Oldenburger Land, 1941.

Ab Februar 1943 leitet Schwester Salome von Mühlen aus die deutsche Region. In der Hoffnung auf baldige Friedenszeiten sorgt sie dafür, dass die jüngeren Schwestern eine gute Ordensausbildung erhalten. „Fürchte dich nicht, du kleine Herde“ (Lk 12, 32) wird zum Leitwort der Verbannungszeit.

Neuanfang in Münster

Am 8. Mai 1945 endet der Zweite Weltkrieg in Europa. Sr. Salome steht nun vor der Aufgabe, den Neuanfang im kriegszerstörten Münster zu organisieren. Bei einem der zahlreichen Bombenangriffe ist auch das Lourdeskloster völlig zerstört worden. Das Missionskloster St. Josef existiert zwar noch, wird aber von der Stadt als Krankenhaus genutzt. In Absprache mit der neuen, demokratischen Stadtverwaltung ziehen die Missionsschwestern in das Kloster ein und übernehmen gleichzeitig die Krankenpflege.

Post für Sr. Salome.
Post für Sr. Salome.

Sr. Salome kämpft sich über viele Jahre durch die Bürokratie der neuen Verwaltungsstrukturen, um das von den Nazis konfiszierte Eigentum zurückzuerhalten. Daneben organisiert sie die Instandsetzung von Ökonomie und Kapelle des Missionsklosters St. Josef und den Wideraufbau des Lourdesklosters.

Sr. Salome erkennt, dass das kriegszerstörte Deutschland Missionsgebiet geworden ist. Unter ihrer Leitung entstehen neue deutsche Kommunitäten. In den harten und entbehrungsreichen Nachkriegsjahren sorgen Missionsschwestern von der Unbefleckten Empfängnis in Münster, Mühlen, Griethausen, Warendorf und Duisburg-Homburg für Kinder und Jugendliche, Flüchtlingsfamilien sowie alte und kranke Menschen.

Große Prozession im kriegszerstörten Münster, 1947.
Große Prozession im kriegszerstörten Münster, 1947.

Liebe zur Gemeinschaft

1952 ist der Wiederaufbau des Lourdesklosters abgeschlossen. In den USA soll das erste Generalkapitel nach Kriegsende stattfinden. Sr. Salome packt ihre Koffer und macht sich auf den Weg. Ein zweites Mal in ihrer Ordenslaufbahn wird sie in den Generalrat gewählt. In tiefer Liebe zu ihrer Gemeinschaft nimmt Sr. Salome dieses Amt an.

Von 1952 an arbeitet Sr. Salome im Generalat in Paterson. Von hier aus unterstützt sie bedürftige Menschen in Deutschland und verschickt Pakete mit Medikamenten, Lebensmitteln und Gebrauchsgütern. Täglich betet sie in der Kapelle und auf dem Schwesternfriedhof. Regelmäßig schreibt sie ihren Mitschwestern in Deutschland, mit denen sie bewegte Zeiten durchgestanden hat. In einem Brief vom 13. Oktober 1956 wünscht sie sich: „In den kommenden Wochen darf ich euch um ein besonders Gedenken beim hl. Opfer und bei den Gebeten bitten? Ich bin sehr dankbar dafür.“ 

Am 5. November haben die Schwestern in Paterson eine kleine Feier. Die fröhliche Runde muss abgebrochen werden, weil es Sr. Salome sehr schlecht geht. Ein Arzt überweist sie in ein Krankenhaus. Dort stirbt die 61-jährige bereits einen Tag später. Am 9. November 1956 wird Sr. Salome auf dem Schwesternfriedhof in Paterson beigesetzt, wo sie so oft im Glauben an den auferstandenen Christus gebetet hatte. In unserer Gemeinschaft bleibt die mutige und glaubensstarke Sr. Salome unvergessen. Unsere Liebe zu ihr zeigen wir in unserem Gebet.

Schwesternfriedhof in Paterson.
Schwesternfriedhof in Paterson.

Missionsschwestern

Aktuelles

Spiritualität

Impulse

Missionsmagazin

kontinente

Ordensgründer

Amandus Bahlmann und Elisabeth Tombrock