Nachlese zum 14. Sonntag im Jahreskreis: 4. Juli 2021

Lesung: aus dem zweiten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth.

Schwestern und Brüder!
Damit ich mich wegen der einzigartigen Offenbarungen nicht überhebe,
wurde mir ein Stachel ins Fleisch gestoßen: ein Bote Satans, der mich mit Fäusten
schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe.
Dreimal habe ich den Herrn angefleht, dass dieser Bote Satans von mir ablasse.
Er aber antwortete mir: Meine Gnade genügt dir; denn die Kraft wird in der Schwachheit vollendet.
Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt. Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht, alle Misshandlungen und Nöte,
Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.

2 Kor 12,7-10

Text von Dr. Johannes Elberskirch (Münster) zur Verfügung gestellt:

Liebe Schwestern und Brüder!

Ich möchte mit einem Zitat von dem berühmten evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer beginnen:

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest,
wie ein Gutsherr aus seinem Schloß.
Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.



Diese bemerkenswerten Zeilen stammen aus dem Gedicht „Wer bin ich?“,  das Dietrich Bonhoeffer 1944 im Gefängnis in Tegel verfasst hatte. Und die Diskrepanz der Beschreibung ist mit den Händen zu greifen. Bonhoeffer wurde als Widerstandskämpfer verhaftet, hatte als politischer Gefangener den Tod letztlich sicher vor Augen und doch wirkt er für die Gefängniswärter nicht wie ein kleiner Wurm, ein armer Tropf. In seiner Schwäche, in dieser ausweglosen Situation wirkt Bonhoeffer „wie ein Gutsherr“, „gleichmütig (…) wie einer, der Siegen gewohnt ist“.

In dieser Beschreibung wird deutlich, was dieser Satz aus der des Paulus meint: „Deswegen bejahe ich meine Ohnmacht, alle Misshandlungen und Nöte, Verfolgungen und Ängste, die ich für Christus ertrage; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“

Dietrich Bonhoeffer ist gefangen und verloren. Er ist dem sicheren Tod geweiht. Doch sein Verhalten und seine Haltung geben in dieser menschlichen Schwachheit, in dieser Verlorenheit ein Zeugnis von Erhabenheit und Größe. In Bonhoeffers Schwachheit findet Gottes erlösende Kraft zur Vollendung. In seinem der Freiheit beraubten und vom Tod bedrohten Leben wird Gottes Sieg, sein ewiges Leben, sein lebendiges Reich sichtbar.

    Dieses Geschehen verbindet Bonhoeffers Leben mit dem Leben Jesu Christi, es verbindet ihn mit dem Gekreuzigten, wenn wir im Markusevangelium hören:  „Als der Hauptmann der Jesus gegenüberstand, ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.“

Als erster Mensch im Markusevangelium erkennt der heidnische Hauptmann Jesus als den Sohn Gottes. Nicht in seinen Wundern, nicht in seinen klugen Worten, sondern in seiner Kreuzigung, im Tod.

Schwachheit und Fragwürdigkeit kennt auch unser Leben. Die Beschwerden und oft auch die Sorgen lassen uns nicht los. Doch lässt uns Gott in dieser Schwäche nicht allein. Der Gekreuzigte selbst ist das Versprechen, dass Gott auch unsere Schwäche, unsere Todesnähe mit seinem Sieg umfängt.

Und manchmal wird das sichtbar. Manchmal glauben wir, es sehen zu können und manchmal glauben wir, es erfahren zu dürfen.

Das kann geschehen, wenn unser Glaube unsere Schwachheit in sich aufnimmt. Wenn diese Schwachheit nicht zerstörerisch wirkt. Wenn der Glaube an die Auferstehung und die Überwindung des Todes in die existentiellen Fragen unseres Lebens findet und uns nicht aufgeben lässt nach unserer Antwort zu suchen, uns nicht verzweifeln lässt, dass es eine Antwort gibt. Dann wird vielleicht sein Sieg sichtbar, dann kann seine Stärke unsere Schwachheit durchdringen.

Der Glaube an Gottes ewiges Leben verändert die Schwachheit und die Grenzen dieser Welt. Der Glaube, dass Gott auch unser Leben vollendet, mit all seinen Schwächen, mit aller Not und allem Schmerz, ist unsere Hoffnung, mit IHM zu siegen  Und vielleicht wird dann auch unser schwaches Leben zu einem kleinen Hoffnungszeichen für diese unsere Welt.

So sind auch wir eingeladen mit Dietrich Bonhoeffer voll Glaube und Vertrauen zu beten:

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!


Amen.

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