Nachlese zum 30. Sonntag im Jahreskreis

Lesung:
Evangelium: Markus 10, 46b-52

Das Relief des Berchtesgadener Künstlers Alfred Essler am Barthelhof in Ahlen erinnert an die Blindenheilung Liudgers. Foto: Almud Schricke
Relief Liudger Heilung Ahlen Blind

Texte von Dr. Schröcker, Münster, zur Verfügung gestellt:

Alles sehen


Die Heilung des blinden Bartimäus hat sich in Jericho ereignet. Jericho nannte man auch die Palmenstadt. Sie muss sehenswert gewesen sein, eine überaus reiche und prächtige Stadt. Vielleicht ist Jericho die älteste Stadt der Welt.       

Bevor Jesus den blinden Bartimäus heilte, fragte er ihn: „Was willst du, dass ich dir tue?“ War diese Frage nicht überflüssig? Was soll sich ein Blinder denn anderes wünschen, als sehen zu können? Wer sieht, möchte alles Mögliche haben, was ihm (oder ihr) unter die Augen kommt. Wer blind ist, wünscht sich nur Gesundheit.

Wir dürfen damit rechnen, dass der blinde Bartimäus gern das Sonnenlicht sehen möchte, den Mond und die Sterne, Berge und Meer, majestätische Adler und flinke Rehe, die prächtige Stadt Jericho, die Werke der Kunst in ihrer Pracht und die freundlichen Gesichter der Menschen in ihrer Jugend und Schönheit. Aber das ist ja nicht alles, was es in unserer Welt zu sehen gibt: Neben dem Schönen steht das Hässliche und neben dem Guten das Böse, und wer sieht, muss beides ansehen, auch Leid und Zerstörung, Alter und Krankheit. Das ist nicht leicht. Manchmal haben wir ein Bedürfnis, eine belastende Nachrichtensendung abzuschalten oder entmutigenden Menschen nicht mehr zu begegnen.

„Was willst du, dass ich für dich tue?“, fragt Jesus. Das ist keine überflüssige Frage. Es ist eine echte Frage an Bartimäus: Willst du selbst wieder sehen? Bist du bereit, die Welt in ihrer ganzen Spannweite zu sehen? Hast du genug Gottvertrauen, dass du es aushälst, alles zu sehen?  Bartimäus jedenfalls möchte ausdrücklich sehen und wird geheilt. Letztlich hat er damit Recht. Trotz allem Hässlichen und Bösen ist die Welt es wert, dass wir sie anschauen.  Die Heilung des blinden Bartimäus hat sich in Jericho ereignet. Jesus war nur auf der Durchreise auf seinem Weg nach Jerusalem. Von Jericho aus braucht man dafür nur mehr einen Tag. Das heutige Evangelium endet damit, dass Bartimäus Jesus gefolgt ist. Daher muss er nach der Heilung seiner Blindheit den Einzug Jesu in Jerusalem gesehen haben und alle Ereignisse des Palmsonntags. Er muss auch viel davon gesehen haben, was in der Karwoche geschehen ist: Verrat, Gefangenschaft, Gericht, Kreuzigung und Tod. Mit seinen geheilten Augen musste Bartimäus auch viel Schreckliches sehen. Vielleicht hat Bartimäus auch den Auferstandenen gesehen. Vielleicht musste er hinnehmen, dass manches zwar für unseren Glauben entscheidend, aber unseren Augen noch verborgen ist.               

Uns, die wir sehen, sagt die Erzählung von Bartimäus: Macht die Augen aus! Geht mit offenen Augen durch das Leben! Schaut, wie schön unsere Welt ist! Aber schaut auch hin, wie viel Leid und Bosheit es gibt! Schaut hin, ob ihr jemanden findet und fragen müsst: „Was willst du, das ich dir tue?“

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