Ausstellung im Schloss Oberhausen: Ikonografien und Frömmigkeitskultur

Ausstellung im Schloss Oberhausen: Ikonografien und Frömmigkeitskultur

Ikonografien sind ein Teil unserer Frömmigkeitskultur. Noch bis zum 12. Mai zeigt die Ludwigsgalerie im Schloss Oberhausen die Ausstellung Anna lehrt Maria das Lesen. Zum Annenkult um 1500. Ein Bericht über einen interessanten Museumsbesuch.

Als ich den Ausstellungsraum betrete, fällt mein Blick sofort auf sie: Eine thronende Heilige Anna, die ihre Tochter im Lesen unterrichtet. Konzentriert und wissensdurstig sieht die kleine Maria aus. Eine Krone auf ihrem Kopf zeigt: Das ist die zukünftige Himmelskönigin. Mutter Anna und Tochter Maria sind fein gekleidet. Sie tragen die im Mittelalter übliche höfische Kleidung.

Die Unterweisung Mariens, Nordfrankreich um 1500.
Die Unterweisung Mariens, Nordfrankreich um 1500

Das Mittelalter ist auch die Zeit, in der die Verehrung der Heiligen Anna an Bedeutung gewann. Auch wenn die Heilige Anna nicht in der Bibel erwähnt wird. „Es sind die apokryphen Schriften, die die literarische Tradition des Marienlebens erkunden“, lese ich im Ausstellungskatalog. „Die  ältesten Berichte über die Mutter Anna in Verbindung mit der Kindheit Mariens enthält das Protoevangelium des Hl. Jakobus, das in der Mitte des 2. Jahrhunderts entstanden ist. Es schildert die Unfruchtbarkeit Annas, ihre und Joachims Trauer darüber sowie die erlösende Verheißung eines Engels, dass sie das Kind empfangen und gebären wird. Nach der Geburt diese Kindes ist von seinen ersten Schritten im Schlafgemach der Anna die Rede und schließlich vom Tempelgang der kleinen Maria mit drei Jahren, der als Erfüllung des Gelübdes der Anna, ihr Kind an Gott zu weihen, zu sehen ist.“ (Ausstellungkatalog / Preising, S. 19)

Die Vorstellung, dass Maria lesen konnte, entwickelte sich ebenfalls in früher christlicher Zeit. Ambrosius von Mailand (339-337) schilderte Maria als eine Jungfrau, die in den Heiligen Schriften las. „Damit wurde Maria nicht mehr als die einfache mit einem Handwerker verlobte Magd angesehen, sondern vielmehr als eine gebildete Frau von königlicher Abstammung, die Teil des Stammbaum Davids war.“ (Ausstellungskatalog / Preising, S. 35)

Die Bildthematik von der Unterweisung Mariens entwickelte sich später im Kontext der Annenverehrung.  Darstellungen in Stundenbüchern und Psaltern, aber auch Kupferstiche und Skulpturen belegen dies eindrucksvoll. Bei der Betrachtung des Kupferstichs „Die Geburt Mariens (1506/10, Kopie nach Albrecht Dürer, von Marcaton Raimondi) wird mir klar, welchen Stellenwert bildliche Darstellungen in einer Zeit hatten, in der viele Menschen nicht lesen konnten. Bilder vermittelten Glaubensinhalte und gaben Antworten auf Fragen, die Gläubige beschäftigten.

Neben den Kupferstichen kann ich in der Ausstellung ganz wunderbare Skulpturengruppen bewundern. Darunter eine Holzskulptur aus Kleve, die aus der Zeit von ca. 1500-1510 stammt. Ich betrachte eine Heilige Anna, die mit einer mütterlichen Geste ihre rechte Hand auf Marias Nacken legt. Mit der anderen Hand zeigt sie auf ein Buch. Umfangen von Liebe und pädagogischer Zuwendung liest Maria in der Heiligen Schrift.

Die Unterweisung Mariens, um 1500-1510, Kleve
Die Unterweisung Mariens, um 1500-1510, Kleve

Das Lesen des lateinischen Psalters war im Mittelalter Teil der adeligen Frauenbildung. Lesen sollte nicht nur adligen Frauen, sondern allen frommen Frauen offenstehen. Zwar gab es damals auch konservative Meinungen, die Frauen das Lesen der Heiligen Schriften verbieten wollten. In den Klöstern des Mittelalters lasen Ordensfrauen aber trotzdem.

Die Ausstellung zeigt auch einige Anna selbdritt-Gruppen. Auf ihnen werden Anna, Maria und das Christuskind gezeigt. „Es ist ein Bildthema der weiblichen Erbfolge des Gottessohnes“, lese ich auf einer Tafel. Ich entdecke eine Anna selbdritt aus Nordbrabant (1470-1480), die zusätzlich die Darstellungsform der Unterweisung aufgreift. Die Heilige Anna lehrt ihrer Tochter Maria und gleichzeitig deren Sohn Jesus das Lesen.

Anna selbdritt, um 1770-1780, Nordbrabant
Anna selbdritt, um 1770-1780, Nordbrabant

Als ich die Ausstellung verlasse, bin ich reicher geworden an kirchengeschichtlichen und kunsthistorischen Erkenntnissen. Reicher aber auch an spirituellen Impulsen.

Sabine Heise (Archivarin im Provinzarchiv)


Danksagung
Herzlichen Dank an Frau Claudia Jäkel von der Ludwigsgalerie Schloss Oberhausen für ihre vielfältigen Hilfen, die das Schreiben dieses Artikels und das Erstellen von Fotos ermöglicht haben.

Verwendete Literatur:
- Flyer der Ausstellung: Anna lehrt Maria das Lesen - zum Annenkult um 1500. Die Unterweisung Mariens aus der Sammlung Peter und Irene Ludwig in Kooperation mit dem Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen.
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Ausstellungstexte
- Dagmar Preising: Die Unterweisung Mariens oder Anna lehrt Maria das Lesen. Zu einem Bildmotiv der Annenverehrung im Spätmittelalter. In: Anna lehrt Maria das Lesen - zum Annenkult um 1500. Die Unterweisung Mariens aus der Sammlung Peter und Irene Ludwig. Herausgegeben von Dagmar Preising, Michael Rief und Christine Vogt. Ludwigsgalerie Schloss Oberhausen 10. Februar bis 12. Mai 2019. Kerber Verlag Bielefeld / Berlin. S. 15 – 111

 

 

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