Nachlese zu Weihnachten 2020

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Texte von Prof. Dr. Lüke,  Münster, zur Verfügung gestellt:

Segnung der Krippe:

Herr Jesus Christus, du bist nicht allseits bewundert und auf dem roten Teppich begeisterter Erwartungen auf die Welt gekommen. Du bist nicht in Palästen und Villen der angeblich besseren Gesellschaft auf diese Welt gekommen. Du bist als Mensch im Viehstall geboren und bist unter viehischen Qualen am Kreuz gestorben. Am Holz der Krippe und am Holz des Kreuzes hast du deiner grenzenlosen Menschlichkeit Ausdruck verliehen. Lass uns im Blick auf dich, dessen Geburt wir heute feiern, menschlich werden wie du und durch dich.
+Segne du diese Krippe, das Zeichen deiner Menschlichkeit, und lass uns selber durch unser Denken, Reden und Tun zu lebendigen Zeichen der Menschlichkeit werden.

Einführung:

Eine Ungeheuerlichkeit mutet uns die Botschaft von Weihnachten zu. Gott wird Mensch; wir fassen es nicht. Unser Fassen und Erfassen scheitert an der Unfasslichkeit Gottes. Aber er ist ein entgegenkommender Gott. Er fasst und umfasst uns in seiner Menschlichkeit. Und in der tiefsten Anbetung des menschgewordenen Gottes vollzieht sich die höchste Menschwerdung des Menschen. Wer sich anrühren und berühren lässt vom menschlichen Gott, der wird nicht rührselig; der wird sich rühren für die Menschlichkeit des Menschen. Lassen wir den menschlichen Gott in uns und durch uns zur Welt kommen, damit die unmenschliche Welt zu Gott kommen kann.

Predigt:

Mensch, kinderleicht

Der prachtvolle Kaiser im Rampenlicht der Weltstadt Rom und sein Statthalter Quirinius in Syrien, das sind die Hauptakteure ganz oben auf der Bühne dieser Welt. Wenn sie nur hüsteln oder Blähungen haben, nimmt die Weltgeschichte einen anderen Verlauf. - Die unansehnlichen Hirten mit dem Stallgeruch, dem Dreck und Grind ihrer Herden auf dem freien Feld in der Dunkelheit der Nacht, das sind -fast unsichtbar- die Statisten ganz unten auf der oder gar hinter der Bühne dieser Welt.

Aber Gott setzte nicht auf die Großkopferten; er bestätigt nicht die Macht von oben; er rollt die Weltgeschichte von unten auf. Zur Heilsgeschichte wird die Weltgeschichte erst da, wo, und erst dann, wenn das Heil ganz unten ankommt, bei den Zukurzgekommenen dieser Welt. Und genau da, wo es für den Kaiser aufhört, da fängt Gott an.

Kaiser Augustus verfügt aus fiskalischen Gründen zur Volkszählung einen Volksauftrieb. Die Großen verfügen und die Kleinen müssen sich fügen. Maria und Josef sind kleine Leute, die sich  -wie zahllose Menschen heute- von den Launen der jeweiligen Tagespolitik hin und her kommandieren lassen müssen. So sind sie Menschen unterwegs, wie die Migranten und Flüchtlinge heute. Und dementsprechend kommt Gott unterwegs in einem Viehunterstand zur Welt. Er kommt bei denen zur Welt, die keine Bleibe  haben. Und bei denen ohne Bleibe will er bleiben. Gott will gerade bei denen ohne geregeltes Auskommen und Einkommen als Mensch ankommen.

Maria ist so unbekannt wie das weltgeschichtlich belanglose Dorf Nazareth, aus dem sie kommt. Aber mit ihrem Leib und Leben bringt sie den zur Welt, dem wir Leib und Leben verdanken, der unser Heiland und unser Heil ist. Warum gerade sie erwählt ist, sagt uns die Hl. Schrift nicht. Die Gnade ist ein unverdientes, ja ein unverdienbares Geschenk Gottes, und das wird Maria zuteil. Die Geburt selbst wird völlig unspektakulär erzählt: „sie gebar ihren Sohn den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberg kein Platz für sie war.“

Im Menschen, durch Menschen kommt Gott als der ersehnte „Immanuel“, als der „Gott mit uns“ zur Welt. Gott ist als Mensch der „Gott mit uns“. Anders, denn als Mensch bliebe er uns fern, bliebe er ein Spekulationsobjekt der Philosophen, bliebe er ein Produkt obskurer Empfindeleien von Esoterikern, bliebe er ein Ergebnis ohne Befund für die Empiriker und Wissenschaftler.

„Die Ersten werden die Letzten sein und die Letzten die Ersten.“ Das sagt später der erwachsene Jesus. Und so ist es schon bei seiner Geburt. Die gesellschaftlich Letzten, die von den Launen der Politik hin und her kommandierten Josef und Maria und die Hirten, die bei ihren Herden einen nächtlichen Dienst schieben müssen, sie treffen sich wie vom Schicksal zusammengewürfelt unter viehischen Verhältnissen in einem Stall. Sie stehen nicht auf der Sonnenseite des Lebens, nicht im Rampenlicht der allseitigen Aufmerksamkeiten, doch sie sind die Ersten im Licht Gottes. „Der Glanz des Herrn umstrahlte sie.“

Der Engel verkündet den Hirten die Geburt Jesu ganz im Stil einer Königsproklamation: „Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: Heute ist Euch in der Stadt Davids der Retter geboren; der Messias, der Herr.“

Aber ist das nicht eine Lachnummer, die Königsproklamation zwischen Schafsköppen und Viehhirten? Mir scheint, jedes Wort ist hier wichtig: „Euch ist der Retter geboren“, d.h. jedem einzelnen von uns und der ganzen Menschheitsgemeinschaft begegnet der rettende Gott. „Heute“, d.h. dies Ereignis hat bleibende Aktualität, verfällt in seiner Bedeutung nicht wie das Edikt des Kaisers Augustus, wie die Zeitung von gestern oder der Schnee vom Vorjahr. „Es ist der Messias, der Herr“, d.h. dies Kind ist der Gesalbte Gottes und der Kyrios, der Herr der ganzen Schöpfung.

Wie die Hirten kann auch uns tiefes Erschrecken und tiefe Freude darüber erfassen, dass der unendlich erhabene Gott uns so nah, so hautnah ist, dass er uns in Ruf- und Reichweite gekommen ist. Der Allmächtige macht sich von der Krippe bis zum Kreuz so machtlos, dass wir uns seiner bemächtigen können, er macht sich greifbar und angreifbar für uns Menschen. Das Zeichen, das der Bote Gottes den Hirten mitgibt, ist eigentlich keines: „Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.“ Aber genau das ist das Zeichen: Gott nicht als Königskind, nicht als Wunderkind, sondern als sterbliches Erdenkind, als hilfloses Wickelkind, als armseliges Krippenkind. Man kann ob der äußeren Gewöhnlichkeit dieser Geburt das Außergewöhnliche übersehen, überhören und überspielen: Das Kommen Gottes in diesem Menschen, das Kommen Gottes in Menschlichkeit. Wir müssen nur Herz und Verstand sensibilisieren, dann erhalten wir eine Ahnung davon, wie die Menschwerdung und Menschlichkeit Gottes die Weltgeschichte zur Heilsgeschichte transformiert. Dann können wir in der Menschlichkeit den Menschendienst Gottes und den Gottesdienst des Menschen wahrnehmen und wahr machen.
 
Wenn wir in all unseren Räumen keine Bleibe mehr haben, bleiben wir bei Gott. Und der im Stall Geborene bleibt bei uns, gibt uns Bleibe und Heimat bei sich. Und wenn uns in unserer Zeit keine Frist mehr bleibt, bleiben wir bei Gott. Und der zur Zeitenwende Geborene führt uns in die fristlos entfristete Ewigkeit im Haus Gottes. Wenn wir zu den Letzten gehören, viehisch behandelt, abgeschoben ins Abseits oder ins Dunkel gestoßen, dann seien wir gewiss: Unter den Letzten finden wir den Ersten und in ihm unser Ein und Alles.

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