Nachlese zum 5. Sonntag im Jahreskreis: 7. Februar 2021

Lesung: Ijob  7,1-4.6-7
Evangelium: Markus 1, 29-39

Auf den Müllkippen der philippinischen Großstadt Cebu leben unzählige Familien mit Ihren Kindern in bitterer Armut. | Foto: Norbert Ortmanns, Kirche+Leben
Auf den Müllkippen der philippinischen Großstadt Cebu leben unzählige Familien mit Ihren Kindern in bitterer Armut.

Texte von Prof. Dr. Lüke,  Münster, zur Verfügung gestellt:


Einführung:

Das Evangelium erzählt, dass Jesus bis in die Nacht hinein Kranke geheilt hatte. Und dennoch macht er sich, sozusagen in aller Herrgottsfrühe, als es noch dunkel war, auf zu einem einsamen Ort, um zu beten. Im Gebet findet er neue Kraft.
Simon und einige andere laufen ihm nach, und sie finden ihn an einer Stelle, die zum Gebet einlädt. Und dann sagen sie: „Alle suchen dich.“ Hier ist auch eine Stelle, die zum Gebet einlädt. Hier in unserer Kapelle  können wir ihm auch sagen, dass wir ihn immer wieder suchen. (Es kann auch das Wohnzimmer, Balkon, Garten oder  … oder …!!  sein. Anmerkung von Sr. Gertrud)
Hier können wir selber auch zum Gebet finden und mehr noch, ihn in unserm Gebet finden. Hier können wir uns wie Jesus von Neuem aufrichten und stärken lassen, für die Aufgaben, die uns gestellt sind. Nutzen wir dieses Geschenk des Himmels.

Tagesgebet:

Eine Woche geht zu Ende, eine neue beginnt. Lass uns still werden, Herr, vor dir. Du führst die Deinen, wenn sie am Ende sind, zu einem neune Anfang. Du bewahrst uns vor Bitterkeit und Verzagtheit. –  Erwecke Du selbst mein Herz, dir Herr, für alles zu danken. Vergibt du allen Kleinmut, allen Mangel an Liebe und lass uns heute an deinem Tag von neuem beginnen, mit dir und untereinander.

Predigt:

Im Leben leiden - im Leiden leben

„Ist nicht Kriegsdienst des Menschen Leben auf der Erde? Sind nicht seine Tage die eines Tagelöhners?“   So fragt der biblische Ijob (7,1) aus dem 4. bis 3. vorchristlichen Jahrhundert und legt den Gedanken nahe, dass Leben ein mörderischer Krampf und der Mensch wie ein Tagelöhner ohne jede Zukunftsabsicherung ist.  Er kann nur von der Hand in den Mund leben. Er malocht und knechtet den ganzen Tag, nur für das Nötigste zum Leben. In Mühe und Verzweiflung bringt er seine Tage zur Abenddämmerung und mit Sorgen seine Nächte bis zum Morgengrauen zu.

Ijob macht die schreckliche Erfahrung aller Leidenden: Leid isoliert und Leid setzt den Leidenden einem Rechtfertigungsdruck aus, damit die Welt der Heilen heil bleibt angesichts der kaputten Welt der Kaputten. Denn das Elend wirkt ja wie ein Vorwurf an die Adresse derer, die nicht im Elend sind. Nicht wenige Menschen denken im Blick auf die Verlierer- und Leidensgeschichten um uns herum: Der ist doch selbst Schuld an seinem Elend, hätte nur was lernen oder sparen sollen. Wer wirklich Arbeit sucht, der findet auch welche. Wer gesundheitlich so schlecht dran ist, der muss wohl auch nicht besonders pfleglich mit seiner Gesundheit umgegangen sein. Etc. etc.  Und wenn man den Schuldigen endlich ermittelt hat, möglichst im Leidenden selbst, dann ist die Welt wieder in Ordung.

Eine andere Art mit dem Leid umzugehen ist die blöde Kopf-hoch- oder Wird-schon-wieder-werden Masche. Man selber als der nicht Leidende wird dem Leidenden gegenüber zum gefühllosen Muntermacher.
Menschen, deren Leben wie endloser Kriegsdienst oder wie ein armseliges Tagelöhnerdasein ist, gibt es noch immer. Menschen, die sich im buchstäblichen Sinne selbst verbrauchen müssen, um zu überleben, gab es nicht nur im Pälastina des 4. bzw. 3. Vorchristlichen Jahrhunderts. Es gibt sie auch noch im Europa des 20. Und 21. Jahrhunderts.

Vor kurzem ging folgende Geschichte durch die überregionale Presse. Ein reicher Israeli ließ sich in Jena von einem Professor der Essener Uniklinik die Niere eines jungen Familienvaters aus Moldawien einsetzen. Das wäre insoweit noch der vielleicht unanstößige Transplantationsalltag. Aber dieser junge Familienvater war nicht etwa durch einen Unfall zu Tode gekommen, sondern er lebt. Er musste die Niere für knapp 3.000 Euro verkaufen, um seine Familie ernähren zu können. Am Ende ging er, weil man ihm noch Hotelkosten in Rechnung stellte, mit 2.200 Euro nach Hause zurück. Das Lügengebäude, es habe sich um einen wohltätigen Verwandten des reichen Israeli gehandelt, der aus Selbstlosigkeit ein Organ gespendet habe, brach bei näherem Hinsehen zusammen. Der Broker erhielt über 100.000 Euro. Und weltweit gibt es einen Organhandel sogar mit Organen, die nicht etwas „freiwillig“ verkauft, sondern auf teils mörderische Weise geraubt worden sind.

Aber wie verhalten wir Christen uns angesichts des Ijobs unserer Tage? Wie sollen wir denn den Betroffenen und uns selbst das Leid deuten? Wie können wir es mit unserer Hoffnung auf den heiligen und heilenden Gott des Lebens verbinden? Lässt Gott das Leid zu? Zumindest das abstellbare Leid lässt es nicht zu, denn er hat uns geschickt, um das abwendbare Leid auch abzuwenden. Und was ist mit dem unabstellbaren Leid?  - Manchem Leid gegenüber sind wir einfach nur hilflos und sprachlos. Und dann sollen wir nicht neunmalklug über das Leiden reden, sondern menschlich mit dem Leidenden reden. Manches sinnlose Leiden ist nicht mehr zu verstehen, sondern nur noch zu bestehen, und die Hoffnung nur im Mitaushalten zu halten. Mitleiden im rechten Sinne ist keine Verdopplung des Leidens, ist keine weinerliche Passivität. Mitleiden ist ein Tatwort. Indem wir den Leidenden ertragen, helfen wir ihm tragen. Indem wir im Leid zu ihm stehen, helfen wir ihm das Leid zu bestehen.

Und noch eines können wir tun: Wir können den Blick auf den Gott des Lebens richten und auf den Leidensmann am Kreuz. Sein Leid hat sich auch nicht auf himmlische Weihrauchwölkchen und in Hallelujagesängen verflüchtigt. Er hat es erlitten und ganz durchlitten. Er hat am Kelch des Leids nicht nur ein wenig genippt, er hat ihn ausgetrunken bis zum bitteren Neige. Und er hat vor den Gaffern und den Voyeuren des Leids sein  „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“  am Kreuz sterbend herausgeschrieen. Aber der kundige Bibelleser weiß, dass der letzte Verzweiflungsschrei dieses Sterbenden zugleich der Eingangsvers eines Gebetes, nämlich des Psalms 22, ist. Und der endet nach dem Durchschreiten der tiefsten menschlichen Verzweiflung in einem Lobpreis Gottes. Das macht mir deutlich: Der Gott des Lebens ist noch die letzte Adresse für unsere Verzweiflung. Sie ist dann nicht hinausgeschrien in die gehörlose und fühllose Anonymität der Umstände. Die Verzweiflung trifft auf ein offenes Ohr, auf ein mitfühlendes Herz, auf die Solidarität des mitleidenden Gottes.

Gegen alle erklärerischen Weltdeutungen seiner neunmalklugen Freunde und mitten in der tödlichen Verzweiflung erhält Ijob das Himmelsgeschenk einer lebendigen Hoffnung: „Doch ich, ich weiß: Mein Erlöser lebt, als letzter erhebt er sich über den Staub! Ohne meine Haut, die so zerfetzte, und ohne mein Fleisch werde ich Gott schauen. Ihn selber werde ich dann für mich schauen, meine Augen werden ihn sehen, nicht mehr fremd. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust. (Ijob 19, 25-27)

Erst am Ende des Endlichen zeigt sich der Anfang des Unendlichen, im Untergang der hoffnungslosen diesseitigen Vertröstungen der Aufgang eines jenseitigen Trostes.

Fürbitten:

Herr, du hast uns ermutigt, unsere Bitten vor dich hinzutragen. Auf dein Wort hin wagen wir zu bitten:
Wir bitten für unsere Kirche, die sich gegenwärtig in heftigen Turbulenzen und Umbrüchen befindet. – Lass sie nicht resignieren, sondern die gegenwärtigen Krisen als Chancen zum Besseren nutzen.

Wir bitten für die, denen ihr Leben zur Last geworden ist. – Lass sie nicht verzweifeln an dir und an uns, sondern Trost finden auch durch uns.

Wir bitten für uns, die wir die Boten der Hoffnung sein dürfen, sein können und sein sollen. – Lass an unserem Sprechen und Tun deutlich werden, welche Weite der  Hoffnung du uns geschenkt hast.

Wir bitten für unsere Kranken und Leidenden. – Lass sie, wo immer möglich, mit Zuversicht und Geduld an ihrer Genesung mitwirken.

Wir bitten für unsere Toten und für alle, deren Ende bevorsteht. – Schenke ihnen den neuen Anfang im vollendeten Leben bei dir.

Schlussgebet:

Über allem Aufgang und Niedergang der Geschichte waltest du, ewiger Gott, bald verborgen, bald erkennbar. In der belebten und unbelebten Natur ist deine liebevolle Weisheit und deine schöpferische Hand erkennbar. In allen Menschen bist du gegenwärtig, in ihren Nöten, ihren Hoffnungen und ihren Freuden. Lass uns dich in allem erkennen und in allem und über alles lieben, bis all unser Lieben und Erkenen in dir vollendet ist. Darum bitten wir durch Christus, unsern Bruder und Herrn. Amen.

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